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10 Jahre BBB BBB-Tagebuch
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Ron ✦✦✦✦
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Beiträge: 4303
Wohnort: Berlin   
BeitragVerfasst am: 28.06.2016, 20:21   Titel: BBB-Tagebuch

Ich bin davon überzeugt, dass das Forum der Berlin-Brandenburg-Biker mit Abstand das aktivste Motorrad-Forum in unseren Breiten ist. In zehn Jahren haben wir auf hunderten Touren gemeinsam etwa eine Million Kilometer zurückgelegt, haben fast einhundert Stammische abgehalten und dutzende andere Events durchgeführt. Also reichlich Gelegenheiten für interessante Erlebnisse.

Unsere Zeit ist sehr schnelllebig und viele Erlebnisse geraten nur allzu schnell in Vergessenheit. Wir halten unsere Events zwar in Form von Berichten mit Bildern und Videos im Forum fest. Aber ich glaube, dass es noch jede Menge weiterer persönlicher Begebenheiten gibt, die sich lohnen erzählt zu werden.

Anlässlich unseres Jubiläums sollen diese persönlichen Erlebnisse in einem "Tagebuch" festgehalten werden.

Daher der Aufruf an Euch: welche spannenden, erfüllenden, gefährlichen, befriedigenden, emotionalen, fröhlichen, traurigen, lehrreichen - kurzum unterhaltsamen Geschichten habt Ihr zu erzählen?

Ihr seht schon: es ist nicht nach einem Dreizeiler gefragt, in dem knapp im Telegrammstil schnell aufgeschrieben wird, was-wann-wo passiert ist. Sondern Ihr sollt eine richtige kleine Geschichte in Prosa erzählen. Also so, wie Ihr sie zum Beispiel einem Kind als Gute-Nacht-Geschichte vorlesen würdet. Und vergesst nicht, der Geschichte eine Überschrift zu geben.

Ich weiß, dass das keine leichte Aufgabe ist. Viele Leute sind vielleicht ein wenig ungeübt darin, einen längeren Text von 1-2 Seiten nieder zu schreiben. Aber ich hoffe einmal, dass sich doch ein paar Literaten finden, die das als Herausforderung annehmen und ihre Geschichten für die Nachwelt erhalten wollen. Nehmt Euch Zeit dafür, denn noch ist es ein halbes Jahr hin. Ich bin also sehr auf Eure Beiträge gespannt.

Allerdings ist eines zu beachten: aus der Story dürfen keine persönlichen Informationen anderer Personen hervorgehen. Es dürfen also keine Namen genannt werden und keine konkreten Daten wie zum Beispiel ein Datum. Das müsst Ihr alles umschreiben. Also z. B. anstelle von "Am 12. Oktbober 2009 ..." vielmehr etwa "An einem schönen Herbsttag ...", etc.

Wie schon beim "Stammbuch" gibt es auch hier die Fristregelung: alle Beiträge, die Ihr schreibt, sind bis zum Geburtstag um 18:00 Uhr für alle anderen User unsichtbar. Bis dahin seht Ihr immer nur diesen Aufruf und Euren eigenen Beitrag. Erst am 7. Januar 2017 um 18:00 Uhr werden die Beiträge automatisch freigegeben und können dann von allen Leuten gelesen werden. Und natürlich werden die Beiträge auch auf der Geburtstagsparty gezeigt und können dort erstmalig gelesen werden.

Und ein besonderes Schmankerl noch: weil dies wirklich eine Herausforderung ist, erhält jeder, der mindestens eine Geschichte schreibt, auf der Feier ein kleines Geschenk!

Und nur der guten Ordnung halber dieser Hinweis: die Beiträge, die in diesem Thread veröffentlich werden, dürfen von niemandem zitiert, kopiert und weitergegeben werden, sei es auf Papier oder in digitaler Form. Alle Rechte an den kleinen Geschichten verbleiben immer bei ihrem Urheber. Für jede weitere Verwendung außerhalb des Forums muss deren persönliche Zustimmung eingeholt werden.

Also dann 'ran an die Griffel und erzählt uns von Euren Erlebnissen! Smile

Gruß Ron Winken

P.S.: als Beispiel habe ich meine erste Geschichte vorab freigegeben.
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Zuletzt bearbeitet von Ron am 28.06.2016, 20:47, insgesamt einmal bearbeitet
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Beiträge: 4303
Wohnort: Berlin   
BeitragVerfasst am: 28.06.2016, 20:34   Titel:

Bremsen oder Gas geben?

An einem heißen August-Tag fuhren wir einmal mit einer kleinen Gruppe von fünf Motorrädern flott durch die in gleißendem Sonnenlicht daliegende Landschaft des mittleren Havelländischen Luchs.

Offenbar waren wir aber nicht schneller als der so oft zitierte Schutzengel, der uns wohl begleitet haben muss. Denn weniger dank Fahrvermögen, als eher mit richtig viel Glück haben wir dabei eine gefährliche Situation überstanden.

Was war also passiert?

Wildunfälle sind für alle Verkehrsteilnehmer eine große Gefahr. Aber während man mit einem Metall-Panzer um sich herum höchstens ein geknautschtes Äußeres riskiert, wenn man einmal auf ein rot- oder schwarz befelltes Wildtier trifft, sieht es für einen Motorradfahrer schon ganz anders aus. Umso mehr sollte man sich auf solche Situationen vorbereiten. Dazu gehört etwa, dass man Zeichen erkennt, die das Risiko erhöhen. Als erstes natürlich das Verkehrszeichen, das auf einen häufigen Wildwechsel hinweist. Nur zu gern wird ein solches Zeichen missachtet. Und auch das damit häufig verbundene Tempolimit von 70 km/h. Mag sein, dass dies daran liegt, dass einem die "70" zu willkürlich erscheint. Es ist auch kaum bekannt, dass die schnellsten Exemplare der hiesigen Fauna es auf genau diese 70 km/h bringen (der gemeine Feldhase etwa oder ein Reitpferd). Auch wenn andere Arten langsamer sind (Rehe ca. 60 km/h, Wildschwein bis zu 50 km/h), ist ihnen dieses Tempo jedoch "bekannt". Das heißt, ein sich näherndes Fahrzeug können die Vierbeiner bei Tageslicht solange richtig einschätzen, wie dies bis zu 70 km/h schnell ist. Ist es schneller, dann bleibt es bei der tierischen Annahme und so kommt es schnell zu einem Crash, weil die bemessene Zeit für die Straßenüberquerung eben nicht ausgereicht hat. Und selbstverständlich gilt dies alles nicht, wenn die Tiere aus welchem Grunde auch immer aufgescheucht wurden.

Ein weiterer Risikofaktor ist das Gelände. Vor allem, wenn auf der einen Seite freies Feld ist und auf der anderen Straßenseite schattiger Wald eine Erholung von der Tageshitze verspricht, kommt es schnell und wiederholt zum Seitenwechsel. Und so war es nun auch in unserem Fall.

Die alt bekannte Regel, dass mit Wildwechsel vor allem morgens und abends bei Dämmerlicht zu rechnen sei, wurde einmal mehr Lügen gestraft, denn das Ganze spielte sich bei helllichtem Tage ab. Links war dunkler Wald und rechts von der Landstraße ein Feld mit hohem Grasbewuchs, so dass es ohne jede Vorwarnung zu unserer Begegnung kam. Auf einmal, etwa 15 Meter vor mir, sprang ein Reh über die Straße. Was nun also tun? Mir ging im Bruchteil einer Sekunde der Gedanke durch den Kopf, dass ein großer Automobilclub einmal die Empfehlung aussprach, bei Rehen "einfach drauf zu halten". Denn im Gegensatz zu einem durch zu starkes Bremsen verursachten Sturz, der völlig unberechenbare Konsequenzen nach sich ziehen würde, wäre es sicherer für einen Motorradfahrer, das Tier, das anatomisch verhältnismäßig leicht zu seiner Körperhöhe ist und dadurch einen weit oben liegenden Schwerpunkt hat, einfach wegzuschleudern. Durch die eigene Masse des Fuhrwerkes und seiner Geschwindigkeit würde der Impuls, der sich im Zeitpunkt des Aufeinandertreffens entwickeln würde, die Maschine samt Fahrer trotz Blessuren oben halten und einen Sturz verhindern.

Netter Gedanke. Dennoch war ich darauf nicht vorbereitet. Und so beging ich einen heftigen Fehler: im Eifer des Gefechtes konnte ich mich nicht richtig entscheiden. Denn ich machte beides! Einerseits gab ich Gas und gleichzeitig wollte ich die Bremsung einleiten, indem ich den Kupplungshebel zog. Die Folge davon war, dass sich meine Geschwindigkeit kaum verringerte, dafür aber der Motor drastisch aufheulte.

Tja, wie zu Beginn schon erwähnt, schlug jetzt aber das pure Glück zu. Denn wie sich herausstellte, war genau diese dumme Aneinanderreihung von unzulänglichen Handgriffen die einzig richtige Aktion gewesen, die die gesamte Gruppe sicher durch diese gefährliche Situation brachte!

Aus dem Augenwinkel nahm ich wahr, dass das Reh nicht allein war. In seiner Begleitung befanden sich vier kleine und wirklich putzige Rehkitze. Während die Mutter schon den auf der anderen Straßenseite liegenden Wald erreicht hatte, lagen die Jungtiere noch als kleine, zusammen gekauerte Fellbündel im Graben an der Straße. Gerade erhob sich eines von ihnen und blickte der Ricke hinterher. Es war ziemlich wackelig auf seinen für den kleinen Körper viel zu dünnen und viel zu langen Beinchen.

Als es schon den ersten Schritt zur Anhöhe der Straße machte, passierte das Missgeschick des ersten Fahrers. Durch den plötzlich laut aufheulenden Motor erschrak das Kitz so sehr, dass es unweigerlich in seinen dünnen Stelzen förmlich einknickte und wieder in Deckung ging.

So blieb der Motorradgruppe genügend Zeit, die Stelle ohne Gefahr zu passieren. Und wahrscheinlich erst, als wir außer Hörweite waren, hat es der kleine Sprung geschafft, sich wieder mit seiner Mutter zu vereinen.

Mir selbst brachten das Abenteuer und vor allem der Ärger über die vermeintlich falsche Reaktion einen ziemlichen Blutdruck ein. So nutzten wir wenige Kilometer weiter die Gelegenheit, um eine kurze Pause einzulegen. Lustiger weise war dies in unmittelbarer Nähe zu einem sehr skurrilen – aber für Brandenburger Verhältnisse nicht überraschenden – Namenschild für einen Ortseingang. "Kotzen" stand da schwarz auf gelb und es sprach mir aus der Seele.
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BeitragVerfasst am: 08.07.2016, 10:30   Titel: Neulich am Ortsausgang

Heute, liebes Tagebuch, will ich Dir eine Sache erzählen, bei der mir mein siebter Sinn wahrscheinlich das Leben gerettet hat. - und das meiner Sozia.

Aber eins nach dem anderen. Das Wetter versprach einen sonnigen Tag und es war gerade der Beginn des Wochenendes. Zu überlegen, was wir unternahmen, war nicht. Klar, dass es mit unserem Moped auf Tour gehen sollte. Nichts wie raus aus der Hütte und die Stadt verlassen, Landstraßen unter die Räder nehmen!

Es geht nach Süden in den Fläming und wir rollen durch beschauliche Orte, die sich gerade anschickten, den Tag zu beginnen. Gemäßigten Tempos rollten wir dahin. Nichts deutete darauf hin, dass wir bald aus unserem zwar ruhigen doch konzentriertem Cruising in heftiges Atmen und rasendem Puls katapultiert werden.

Wieder durchfuhren wir einen dieser lauschigen Orte. Erfreuten uns an rasierten Rasen in den Vorgärten, Menschen, die gerade vor ihrer Tür kehrten (sehr lobenswert), dem Feuerwehrteich mit angeschlossener Feldsteinkirche, als sich das Ortsende ankündigte. Erkennbar an der dünner werdenden Bebauung. Zuvor aber ist da noch eine abknickende Vorfahrt, die in unserer Richtung nach Links führte. Durch die zurück gewichenen Häuser und fehlende Bepflanzung gut einzusehen. Wir folgten dieser Vorfahrt und es gab keinen Grund, das dem Ort angepasste Tempo zu verlangsamen, sondern eher schon in Vorbereitung auf den Ortsausgang zu beschleunigen.

Noch ehe ich in die Kurve einbiege kann ich einen langen Blick in ihren Ausgang werfen und sehe einen Kleinwagen entgegen kommen, der nicht blinkt und noch immer das Tempo der Landstraße drauf zu haben scheint. - oder zumindest nur schwach reduziert. Der Kleinwagen kommt von Links, will geradeaus und muss demzufolge mir, der auf der Vorfahrtsstraße bleibt die Weiterfahrt ermöglichen. Im Vertrauen auf die abknickende Vorfahrt und dem dazu gehörenden Schild, reduziere ich nicht die Geschwindigkeit.

Noch einmal geradeaus geblickt, die Lage gepeilt - alles klar! - , den Blinker gesetzt und zum Abbiegen angesetzt. Automatisch geht der Blick in die Kurve, das Motorrad folgt meinem Befehl und neigt sich nach Links, da nehme ich wahr, dass der PKW sein Tempo nicht reduziert und ungebremst weiter rauscht - noch immer gut schnell.

Jetzt passiert alles gleichzeitig; auskuppeln, Mopped aufrichten und voll in die Eisen gehen, und zwar mit allem, was die Brembos hergeben! Das ABS regelt! Der Motor heult auf, denn die Gashand blieb unverändert und meine Geschwindigkeit geht gegen Null. Da rollt der PKW vor mir geradeaus knapp vier Meter vor mir in meine geplante Spur. Nur wenig später gebremst, hätte mich der PKW abgeräumt und ich hätte mich mit meiner Liebsten auf der Motorhaube wiedergefunden, oder wir wären in hohem Bogen darüber in die Landschaft geflogen. Zumindest hätte es auf unserer Flugbahn keine Hindernisse gegeben…

Jetzt hatte ich reichlich Puls und brüllte irgend etwas unflätige in meinen Helm. Ohne diesen hätte der ganze Ort etwas davon gehabt.

Kurz setzte ich meinen Fahrt fort, drehte dann aber noch einmal um, weil ich plötzlich glaubte, einen Fehler gemacht zu haben. War das wirklich eine abknickende Vorfahrt? Nach dem Abfahren der Kurve aus der Gegenrichtung war klar, dass ich richtig gesehen habe. So bestätigt nahmen wir wieder unseren alten Kurs auf und nach ein paar Minuten fanden wir eine Stelle zum Anhalten.

Noch immer flatternd schälten wir uns aus dem Helmen, schauten uns an und versuchten ruhig zu werden.

Wir besprachen noch einmal die Situation und meine Sozia bestätigte mir, dass ich alles richtig gemacht habe, und der PKW hat sich falsch verhalten. Dabei kam zutage, dass die junge Fahrerin hinter dem Steuer geradeaus gesehen und nur die rechte Hand am Lenkrad hatte. Die Linke war Richtung Kopf angehoben, als habe sie ein Telefon in der Hand.

Nun wich die Angst und Unsicherheit einer gehörigen Wut auf diese dämliche Person, die uns fasst aufgegabelt hätte. Zum Abreagieren noch ein paar Flüche in ihre Richtung geschickt, auch wenn sie nicht mehr zu sehen war. Dann aber machte sich Zufriedenheit breit: Ich hatte die Situation richtig eingeschätzt und auf „mein Recht“ im richtigen Moment verzichtet. Das brachte die nötigen Meter, um den Crash zu vermeiden.

So rettete mein siebter Sinn wahrscheinlich unser Leben…
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DLzG Uwe
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Wohnort: Berlin-Neukölln, Britz   
BeitragVerfasst am: 08.08.2016, 21:15   Titel: Ein langer aber erfüllter Tag!

Ich war schon ein Mal mit den Berlin-Brandenburg-Bikern gefahren, als ich mich zu DIESER Tour angemeldet habe.
Es war eine ganz schöne Überwindung, weil:
Ich kannte die Leute nicht oder kaum,
hatte meine TDM erst seit März,
es sollte ein langer Tag werden und
dann auch noch nach Polen.

Oh Gott!!! Ich in ein fremdes Land, mit dem Motorrad!!!

Hahaha, so ändern sich die Zeiten....!!!

Aber alte Gemäuer faszinierten mich schon seit ich als Kind, im Schloss Charlottenburg, durchs Porzellanzimmer geschoben wurde, also Augen zu und durch!

An einem wunderschönen Sommertag Ende August 2011 trafen sich 21 Fahrer mit ihren Motorrädern, der Eine oder Andere mit einer Sozia.
Der Treffpunkt war nicht weit von meinem Zuhause entfernt.
Man war ich froh, früh aufstehen gehört nicht zu meinen Stärken, jeder der mich kennt, weiß, schon 9:30, auf der Brücke, ist knapp.
Wie ihr schon erahnt, ich war nicht die Erste, aber pünktlich, puh! Bloß kein schlechten Eindruck machen.
Als erstes wurde ein kleines Büchlein und Süßigkeiten verteilt, cool!
Hinter dem Büchlein konnte ich mich verstecken und die Gummimaus war für die Nerven! Perfekt!
Erste Kontakte konnte ich verbuchen und bald ging es los.
Ganz ehrlich, ich habe keine Ahnung wo wir langgefahren sind und wie viele Kirchen wir uns angeschaut haben, aber die Stopps waren toll, die Geschichte, die akribisch recherchiert wurde, wurde umfassend und gelungen vorgetragen, jedes Mal. Wie beeindruckend!
Schnell hatte ich Jemanden, der sich um mich kümmerte und dafür sorgte, dass ich einen guten Platz zum Fahren, in der Gruppe, bekam, der mir Tipps und Ratschläge gab. Ich fühlte mich immer wohler und zugehörig.
Als wir dann nun nach Polen hinein fuhren, empfand ich das nicht als bedrohlich, denn ich war ja nicht allein.
Aber gerade in Polen stand die größte und beeindruckenste Kirche und auch da war mein persönliches Highlight!

Ich bekam mein "Güldenes Band"!!!

Verliehen von einer, an diesem Tag kennengelernten, Selbstfahrerin!?! Hahaha......

Ich war sehr gerührt und heute noch fahren wir beide bei den BBBikern!

Wir hatten wieder jeglichen Straßenbelag oder auch nicht.
Der Weg zum Schloss und die Suche nach dem Schatz, sind unvergessen.

An diesem Tag war ich sehr spät aber überglücklich zu Hause (22:00Uhr) und mir ist nichts Böses widerfahren.

Mein Fazit:
super akribische Vorbereitung, Planung und Durchführung,
sehr liebe Mitfahrer und Mitfahrerinnen,
da bleib ich dabei.

Zu diesem Zeitpunkt konnte ich noch nicht wissen, dass sich das, bis zum heutigen Zeitpunkt nicht ändern sollte.

Und ich bin immer noch dabei!
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Beiträge: 557
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BeitragVerfasst am: 14.08.2016, 20:34   Titel: Eine Begegnung der langen Art

Da ich den Motorradführerschein noch nicht sehr lange besitze (2008), haben sich auch nicht sehr viele Erlebnisse anhäufen können, die sich hier erzählen ließen - bis auf eine.
Wir haben das Jahr 2010, auch damals gab es schon schreckliche Unwetter in Deutschland, Orkan, Regen und die damit verbundenen Verwüstungen.
Sturmtief „Olivia“ wütete in Westdeutschland, hauptsächlich in der Region um Hessen und entwurzelte unzählige Bäume.
Schon bevor ich meinen Motorradführerschein machte bin ich viel Zweirad gefahren, Roller verschiedener Marken mit 125 Kubik. Somit war es klar, auch die ersten Erfahrungen in der offenen Klasse mit einem Roller zu machen. Das Fahren ist, von der Bedienung her, sehr unkompliziert und man kann sich voll auf das wesentliche konzentrieren, Verkehr und Fahrtechnik. Außerdem liebte ich meinen T-Max und pimpte ihn um daraus ein besonderes und vor allen Dingen spurtstarkes Fahrzeug zu machen.
Ein Bekannter von mir, im Klimatisierungsgeschäft tätig, war zu dieser Zeit guter Kunde eines namhaften Klimaanlagenherstellers, welcher jährlich eine Motorradtour in Deutschland für seine Kunden veranstaltete. Da mein Bekannter selbst nicht mehr Motorrad fuhr bot er mir die Teilnahme an, die diesmal nach – Hessen gehen sollte.
Drei Tage lang im Sauerland die Kurven kratzen und das auch noch mit erfahrenen Bikern aus ganz Deutschland, bestimmt eine ganz geile Kiste. Ich freute mich riesig und fuhr bewegten Herzens gen Westen. Super Hotel, nette Leute und viele Mopeds, GS im Überfluss. Wir wurden der eigenen Einschätzung nach in Gruppen unterschiedlicher Leistungsstärke eingeteilt, ca. 8 Fahrer pro Gruppe. Zu den Fußbrettfahrern wollte ich mich nicht gesellen, für die Supersportler war mein Mäxchen mit 50PS nicht potent genug, also zu den Adventurbikes und damit zu den GSen. Die guckten ein wenig pikiert auf den T-Max und dachten sich wohl ihren Teil.
Ein wunderschöner Tag, alles trocken und wir heizten (es war wirklich so, die Jungs kannten keine Gnade) durch das Sauerland. Ich mitten drin, aber immer dran! Auf den Hügeln gab es viele kahle Stellen, kein Wald mehr, alles platt. Man, die haben hier aber eine florierende Holzwirtschafte dachte ich so bei mir. Unsere Gruppe kam gerade aus einer kleinen Seitenstraße heraus und bog in eine Bundesstraße ein, danach wollten wir sofort wieder in einer kleinen Straße verschwinden, die Ersten bogen schon Rechts ab. Aus dieser Straße wollte aber auch ein Langholztransporter, welcher mit seiner Fracht gerade aus dem Wald kam, in die Bundesstraße einbiegen, uns entgegenkommend. Er hatte ziemlich schnell kapiert das der gesamte Motorradtrupp in seine Straße einbiegen wollte und begann mit seinem Abbiegemanöver.
Wer von euch hat schon mal einen Langholztransporter live gesehen? Ich jedenfalls bis zu diesem Zeitpunkt nicht. Zugmaschine und Auflieger sind ca. 30m auseinander, werden nur durch das transportierte Holz zusammengehalten und ist länger als jeder Sattelschlepper. Der vor mir fahrende Biker war bei seinem Abbiegemanöver auf einmal schon auf dem Bürgersteig, warum fährt der auf dem Bürgersteig? Dann war ich dran, anbremsen, abwinkeln und rein in die Straße! Straße? Da war keine Straße mehr, nur Holz! Der Transporter hat beim Abbiegen die gesamte Straße dicht gemacht, kein Platz mehr für mich und meinen T-Max. Der macht dich jetzt platt, dachte ich. Was nun? Du musst hier weg war mein einziger Gedanke. Den Roller zusammengebremst, auf die Seite gelegt und weggerannt war eins! Die Jungs hinter mir haben das natürlich gesehen, wild gehupt und Zeichen gegeben, damit der Transporter anhält. Zum Glück hat der auch reagiert und seine Fuhre zum Stehen gebracht. Der Roller war schon unter dem Holz verschwunden.
Er kam wieder zum Vorschein nachdem der Fahrer des Transporters etwas zurücksetzte, ich den T-Max wieder hoch, gestartet und beiseite gefahren. Keine Schramme zierte das Plastikkleid, somit war nichts passiert, außer etwas Herzrasen.

Die wilde Hatz durch das Sauerland konnte weitergehen.

Beim abendlichen Bier wurde natürlich viel über die Aktion diskutiert, viel bemerkenswerter für mich aber waren die Äußerungen der anderen Fahrer zu dem T-Max, den sie auf dieser Tour partout nicht abschütteln konnten.


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Beiträge: 228
Wohnort: Berlin - Wilmersdorf   
BeitragVerfasst am: 05.11.2016, 14:16   Titel:

Anfängerfehler

Am Anfang meiner Biker-Karriere bin ich haarscharf an einem ziemlich krassen Crash vorbei geschrammt. Davon will ich hier erzählen.
Zusammen mit zwei erfahrenen Bikern war ich kurz nach erfolgreicher Fahrprüfung auf Brandenburgs Strassen unterwegs. Ich hatte mein Moped noch nicht lange und die Eingewöhnung war noch nicht abgeschlossen. Besonders das große Vorderrad hatte es dabei in sich. Die Maschine verhielt sich völlig anders, als ich es bisher kannte.
Meine beiden „Guides“ nahmen mich in die Mitte auf unserem kleinen Ritt Richtung Kremmen. Es sollte ja nur zum Warmfahren sein.
Alles war gut. Mein Vordermann legte ein gutes und für mich beherrschbares Tempo vor. Mein Hintermann ließ mir ausreichend Raum. Es kam kein Stress bei mir auf.
Die ersten Kurven waren angenehm. Wir forcierten ein wenig das Tempo und fuhren auf die nächste Linkskurve zu.
Da meldete sich in meinem Kopf die „Was passiert, wenn-Bremse“. Ich spürte, wie ich verkrampfte.
Wir fuhren die Kurve am rechten Rand an. Der Einlenkpunkt kam näher. Das Tempo wurde mit Lockerung des Gasgriffs leicht reduziert. Ich bereite mich aufs Einlenken vor und - fixiere einen Punkt, der geradeaus liegt.
Das Einlenken misslingt. Das große Vorderrad hat nur teilweise auf den Impuls, den ich gab, reagiert. Wahrscheinlich auch, weil ich nicht in die Kurve hinein sah. Noch immer sehe ich nicht in die Kurve, sondern auf etwas, das geradeaus liegt.
Was nun passiert, läuft in Sekundenbruchteilen ab und kann hier nicht wider gegeben werden. Stellt Euch einfach vor, dass bis zum Ende des Folgenden vielleicht drei bis fünf Zehntelsekunden vergingen. Vielleicht war es auch weniger…
Ich spürte, dass ich nicht ums Eck herumkomme. Mein Blick war gefesselt. Mir wurde heiß. Meine Gedanken: Ich schaffe die Kurve nicht! Wohin???
Vor mir etwa zehn Meter entfernt ist eine Hecke - vielleicht aus Flieder oder Ähnlichem - mit schmalen Lücken hier und da.
Ich suche mir eine Schneise aus, in die ich einschlagen will - denke dabei, dass ich mir nicht allzu sehr weh tun will. Hinter der Hecke ist ein Feld. Minimale Chance, es heil zu überstehen. Gedanklich schließe ich schon mit der Fahrt ab, die hier ihr abruptes Ende finden kann.
Mit einem inneren Ruck löse ich die Verkrampfung und besinne mich. Drücke am Lenker noch einmal nach. Das Moped reagiert. Ich kann meinen Blick lösen, schaue in die Kurve und - komme herum…
Tief durchatmend fahre ich weiter. Mit einem blauen Auge bin ich noch einmal davon gekommen.
Später beim Getränk fragt mich mein Vordermann, was denn da los gewesen war. Er sah im Rückspiegel, dass ich einen Leitpfosten nur um Zentimeter verfehlt hatte.
Mein Hintermann bestätigte, dass es ziemlich holperig aussah, ich aber gerade noch richtig reagiert habe. - Gut gemacht.
Eines kann ich allen Lesern glaubhaft versichern; jede Linkskurve ist seitdem mit dieser Erinnerung behaftet und kostet ein wenig mehr Einsatz, als jede Krümmung Rechts herum. Auch noch nach einigen zehntausend Kilometern später.
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DLzG Uwe
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Wohnort: Berlin   
BeitragVerfasst am: 22.11.2016, 15:50   Titel: Lust am Biken

Freitag, 18:00 Uhr:

Erschöpft von der Arbeit der ausklingenden Woche, aber beseelt von dem Gedanken an das bevorstehende Wochenende komme ich zuhause an. Meine Frau hat zusammen mit unseren 3 Kindern das Wohnmobil vorbereitet. Es ist alles gepackt, der Frischwassertank ist gefüllt, die Gasflaschen verfügen noch über hinreichenden Füllstand. Nach dem Umziehen geht es los: Ziel ist das ein stillgelegter Flugplatz der Russen im Norden Berlins, in der Schorfheide. Auf dem Anhänger stehen zwei Motorräder und während meine Frau das Wohnmobil fährt, hat meine Maschine wegen des kleinen Motorrades für unsere älteste Tochter keinen Platz mehr gefunden. Also bummle ich hinter der „Schrankwand“ des Alkovenmobils hinterher. Wegen der einsetzenden Frühjahrsdämmerung bin ich nicht böse über das große Gespann vor mir, fällt damit doch die Wahrscheinlichkeit, dass ich vom Wild überrascht werde, da das Wohnmobil die Straße vor mir freiräumt. Tatsächlich begegnen wir auch einer kleinen Rotte von Wildschweinen, die aber keine Anstalten macht die Straßenseite zu wechseln, sondern vollkommen unbeeindruckt von uns die gärtnerischen Gestaltungsaufgaben im Straßengraben fortsetzt. Wir passieren im Schritttempo.

Als wir den Flugplatz erreichen, ist es bereits dunkel, und das Biosphärenreservat ist wirklich dunkel, zumal der Mond nur eine kleine Sichel von sich preisgibt und somit nur spärliches Licht vom klaren Nachthimmel leckt. Die Einfahrt zum Flughafengelände ist durch ein großes Tor markiert. Es steht offen und dennoch wirkt die Finsternis in diesem Wald nicht wirklich einladend auf uns Großstädter. Gespenstisch huschen die Scheinwerfer immer wieder über verlassende Gebäude, die den früher hier stationierten Soldaten wohl als Kasernen gedient haben. Scheinbar unendlich zieht sich der Weg. Dann endlich sehen wir ihn. Irgendjemand hat eine Dachlatte in den Waldboden gerammt an dessen Oberkannte ein eingeschweißtes A4-Blatt aufgenagelt wurde, das uns den Weg weist: Fahrerlager und eine kaum zu erkennender Pfeil lassen uns abbiegen. Erneut umfängt uns die Finsternis. Hier gibt es keine Gebäude mehr. Steppenähnlicher Bewuchs wechselt sich mit dem Mischwald der Schorfheide ab. Nach zwei weiteren Richtungswechseln taucht das Ziel unserer heutigen Reise am Horizont auf. Ein kleines Lagerfeuer in unmittelbarer Nähe zu einem Schelter nimmt uns in Empfang. Es sind schon viele angereist heute Nachmittag; ich überschlage etwa 50 Fahrerinnen und Fahrer, die in munteren Runden und Grüppchen Erfahrungen austauschen und von der Anfahrt berichten.

Begeistert hüpfen unsere drei Kinder aus dem Wohnmobil und mischen sich unter die meist erwachsenen Bikerinnen und Biker. Wir parken noch schnell und machen alles fertig für die Nacht im Wohnmobil und genießen dann ebenfalls den Abend und die Gespräche mit einer Hopfenkaltschale. Die Kälte der Nacht und die Müdigkeit treibt uns irgendwann in das Mobil zurück und wir legen uns schlafen. Nur das eine oder andere Tier lässt dann und wann einen Ast knacken, ansonsten ist die Ruhe nahezu absolut. Für Berliner ist das sehr ungewohnt, aber irgendwann fallen uns die Augen zu.

Der nächste Morgen empfängt uns mit Bodennebel und auf den Pflanzen glänzen Wassertropfen wie kleine Perlen in der aufgehenden Morgensonne. Aufgeregt rennen unsere Kinder hin und her und suchen – viel zu früh - den Kids-Club. Sollen Sie doch heute wieder selbst Motorrad fahren. Besonders der Jüngste, für den es dieses Mal das erste Selbstfahrerlebnis werden soll ist aufgekratzt. Sabine und ich bereiten das Frühstück, während die Sonne ganz langsam den Nebel und das Tau auflöst. Langsam erwacht an allen Enden und Ecken des Fahrerlagers das Leben. Je nach Komfort und Gepäck fällt das Frühstück unterschiedlich aus dort hockt ein älterer Herr mit einem trockenen Knäckebrot bereits in Leder gekleidet im Gras, nebendran ein junges Pärchen, die turtelnd ein Müsli essen. Vor einem Concorde Mobil wird ein Buffet für eine vierköpfige Familie aufgebaut, das eher dem Frühstück eines Luxushotels gleicht als dem eines Wochenend-Camping-Ausflugs. Während bei uns das Frühstück ausklingt füllt sich das Fahrerlager zunehmend: Immer neue Maschinen rollen an uns vorbei, gefahren, auf Anhängern in Transportern. So entspinnt sich ein Treiben, das dem Tag zur Ehre gereicht: 200 Teilnehmer möchten in verschiedensten Trainings Ihre Fahrkünste aufbessern: Enduro, Trial, Sicherheitstraining, und Renntraining. Der Veranstalter hat so ziemlich alles im Programm, was man auf dem Gelände des Flughafens auf 2 motorisierten Rädern veranstalten kann. Meine Frau will heute das erste Mal am Sicherheitstraining für Fortgeschrittene besuchen. Ich selbst werde heute zusammen mit einem anderen Instruktor ein Sicherheitstraining geben, das ausschließlich dem schönen Geschlecht vorbehalten ist. 14 Teilnehmerinnen haben sich angemeldet. So ziehe ich mich dann auch um und fahre schon mal zu der Fläche, die für unser Frauentraining reserviert ist. Alles ist bestens vorbereitet, mit Pylonen und halbierten Tennisbällen sind verschiedene Parcours aufgebaut, die wir im Laufe des Tages mit den Damen erarbeiten werden. Keine Tiere oder Fremde haben etwas durcheinander gebracht und so fahre ich beruhigt zurück zum Treffpunkt an der Anmeldung und habe noch etwas Zeit das eine oder andere Motorrad in Augenschein zu nehmen. Aus den Augenwinkeln beobachte ich wie eine kleine Gruppe aus einem LKW eine ganze Reihe fabrikneuer Enfields ablädt. Um kurz nach 09:00 Uhr begrüßt der Veranstalter die Teilnehmer und stellt die Instruktoren der diversen Trainings vor. Dann geht es auf die Motorräder und wir rollen mit unseren Amazonen zu unserer Trainingsfläche. Ich bin das Schlusslicht und beobachte schon mal die Teilnehmerinnen. Sitzen Sie locker auf ihrem Gefährt, oder verkrampfen sie. Passen die gewählten Motorräder überhaupt zu den Treiberinnen. Da fällt mir eine ältere Dame auf, die sich für ein Classic-Bike entschieden hat, dass ihr viel zu groß ist. Sie liegt gestreckt über dem Tank um überhaupt an den Lenker zu kommen. Vor mir fährt ein sehr junges Mädchen, das bereits beim Aufsitzen die eigene Unsicherheit mit viel zu lautem Lachen zu überdecken versuchte und die nun bei einem kurzen Abschnitt über einen Feldweg derart verkrampft, dass man dies sogar von hinten erkennen kann. Weiter vorne reißen die Abstände auf. Die ersten beiden versuchen noch exakt den Abstand zum vorausfahrenden Instruktor beizubehalten, aber dahinter fährt eine Frau, die sich nicht traut. Geduldig warten die anderen hinter Ihr. Sobald sie wieder Beton unter den Rädern hat dreht sie dafür den Hahn auf, als wolle sie an einem Beschleunigungsrennen teilnehmen. Ich beobachte also das gleiche Bild wie bei den vergangenen Trainings – mit Männern und Frauen wohlgemerkt. Auf uns wartet also Arbeit. Kurz vor dem Erreichen des Ziels überhole ich die Gruppe, stelle mein Motorrad rasch ab und folge meinem Instinkt zu der kleinen Dame mit zu großem Motorrad. Richtig erahnt, beim Absitzen kippt ihr das Motorrad beinahe um, was ich mit beherztem Zugriff verhindere. Dankbar lächelt sie mir zu.

Wir begrüßen unser Gruppe zum Ladies-Day. Nachdem wir uns kurz vorgestellt haben, lassen wir auch alle Teilnehmerinnen berichten. Seit wann fährst Du Motorrad? Wie viel fährst Du im Jahr? Hast Du schon mal brenzlige Situationen erlebt oder sogar Unfälle? Nach und nach erfahren wir etwas über unsere Teilnehmerinnen und über Ihre Ängste. Heute frage ich auch noch warum sie genau dieses Motorrad fahren und meine Befürchtungen bewahrheiten sich: Meine kurze hat die abgelegte Maschine Ihres Mannes genommen. Eigentlich gefällt ihr das Motorrad gar nicht so gut und es sei im Vergleich zu der Fahrschulmaschine auf der sie gelernt habe auch sehr störrisch. Sie steht gerade dicht am Wasser, also mache ich zunächst schnell bei der nächsten Teilnehmerin weiter, um sie nicht endgültig in Tränen aufzulösen. Später nehme ich sie einmal unbemerkt von den anderen beiseite und frage sie, ob sie nicht besser ein anderes Motorrad leihen wolle, weil ich der Überzeugung sei, dass dieses Motorrad absolut nicht zu ihrer Körpergröße passe. Sie stimmt zu und bittet mich das in der Mittagspause auch noch mal vor Ihrem Mann zu wiederholen, der an einem der Renntrainings teilnehme. So besorgen wir Ihr eine kleine tiefergelegte Mopete aus dem Fahrschulfundus. Sie strahlt und macht ab sofort im Laufe des Tages hervorragende Fortschritte und wird immer lockerer. Auch das Küken von morgens behalte ich im Auge. Sie kämpft. Um keinen Preis will sie zugeben, dass sie noch gehörigen Respekt, um nicht zu sagen Angst vor dem Motorradfahren hat. Zunehmend blockiert sie sich selbst und kann immer weniger aufnehmen und annehmen, was wir ihr zurufen oder als Aufgabe stellen. Es beginnt riskant zu werden, immer unkontrollierter scheinen ihre Fahrmanöver. Blickführung fehlt gänzlich: Wenn sie es schafft mehr als 5 Meter vor ihr Vorderrad zu schauen, so ist das für Ihre Verhältnisse schon weit. Ich stimme mich kurz mit dem anderen Instruktor ab und ziehe sie raus. Motorrad abstellen und Spaziergang ist angesagt. Ich konfrontiere sie mit der Wahrheit und sage ihr, dass es gerade gefährlich wird für sie selbst aber auch für die anderen Teilnehmer. Plötzlich bricht es aus ihr heraus: Sie hatte gerade am Wochenende zuvor einen Unfall. Auf dem Rückweg fasse ich einen spontanen Entschluss. Ich frage sie, ob sie eine Runde mit mir zusammen als Sozia drehen möchte, um wieder locker zu werden. So steigen wir auf mein Bike und arbeiten uns zur Rennstrecke vor. Dort erläutere ich dem Instruktor kurz mein Anliegen und schon finden wir uns auf der Rennstrecke wieder. Beim Einfahren drückt sie mir fast das Frühstück wieder aus dem Leib. Ich fordere Sie auf mich loszulassen und einfach aufrecht und locker hinter mir zu sitzen. Sanft beschleunige ich und schalte durch in den dritten Gang. Nun erläutere ich ihr, dass wir den gesamten Rundkurs nur im dritten fahren werden, und zwar ohne zu bremsen. Dann lege ich den Tempomaten fest und wir gehen auf die Start-Zielgerade. Ich nehme die Hände vom Lenker und so gleiten wir freihändig dahin. Nun bekommt sie die Aufgabe sich mit mir in einer Linie zu halten. Vor der ersten Kurve klammert sie sich doch wieder bei mir fest und lehnt sich genau verkehrt herum ins Kurvenäußere. Anhalten besprechen. Auf ein Neues. Zumindest greift sie nicht mehr vor jeder Kurve nach mir und so ganz langsam lehnt sie sich – zunächst zaghaft, dann immer bereitwilliger mit mir in die Kurven. Die sechste Runde fahren wir komplett freihändig, ohne zu bremsen im dritten einmal komplett durch. Wir verlassen die Strecke halten an besprechen alles bei einem Friedenspfeifchen aus der Schachtel und sie ist stolz, als wäre sie selbst gefahren. Ich erkläre ihr, das sie den Lenker nur zum Impuls geben benötigt und das es sich dabei nicht um eine Reckstange handelt. Auch Sie macht im Laufe des Tages Fortschritte, auch wenn ich sie immer wieder an das Lockerbleiben erinnern muss. Abends kommt sie mit Ihrem Freund noch bei mir am Wohnmobil vorbei und drückt mir in seinem und im Beisein meiner Frau einen dicken Schmatzer auf. Sie habe an diesem Tag das erste mal so richtig Spaß am Motorradfahren entwickeln können. Ich erröte und freue mich mit ihr. Der Rest des Tages verläuft prima und ich bin dankbar, denn morgen wollen wir das Erlernte bei einer gemeinsamen Ausfahrt ins Umland anwenden. Alle Amazonen haben Freude und jene, die über Nacht im Fahrerlager bleiben, belagern meinen Kollegen und mich noch bis in die Nacht, um über das eine oder andere Zweiradtraining zu plaudern. Ich muss recht Acht geben, dass meine Kinder nicht zu kurz kommen, schließlich wollen sie mir auch von Ihrem Tag berichten.

Die älteste (12 Jahre) erzählt, dass sie freihändig auf Mamas alter GSX gefahren sei und kniend auf der Sitzbank, sowie im Damensitz. Die mittlere (9 Jahre) berichtet mehr vom Quad fahren und dass der Instruktor mit Ihr auf dem Quad auf nur zwei Rädern gaaaanz lange geradesaus gefahren sei. Der jüngste (5 Jahre) ist bereits erschöpft am Lagerfeuer eingeschlafen. Aber das entspannte Lächeln in seinem Gesicht verrät mir, dass auch er einen glücklichen tag gehabt haben muss. Die großen Schwestern erzählen stolz, dass Ihr Bruder den gleichaltrigen Angeber aus dem großen Concorde-Wohnmobil immer wieder mit der PW40 überholt habe. Der Instruktor des Kids-Clubs kommt später noch vorbei und meinte ich solle mich schon mal darauf einstellen, dass ich die nächsten Jahre an Motocross- oder Enduro-Strecken verbringen würde und der habe echt Talent…

Der nächste Morgen ist weniger freundlich. Das Wetter hält einen tiefverhangenen und unheilvoll aussehenden Himmel bereit. „Das gibt heute noch was!“, oder: „Da kommt bestimmt noch was runter!“, schallt es aller Ortens. Nun ja, Bange machen gilt nicht!
Pünktlich zur Abfahrt um 09:00 Uhr fallen die ersten Tropfen. Zwei Amazonen sind wegen des Wetters erst gar nicht gekommen. Aber wir fahren nun mit den 12 verbliebenen Teilnehmern ins Umland und anders als erwartet klart es immer mehr auf. Bei der ersten Rast an einer kleinen Badestelle springen zwei mutige Damen sogar ins Wasser. Der Rest plaudert und freut sich, wie gut man doch nun das eine oder andere hinbekommt, was doch bis gestern noch so schwer von der Hand ging. Ich hänge gedankenverloren in der Nähe ab und ertappe mich bei dem Gedanken, dass es mir nach meinen eigenen Trainings auch immer so geht.

Die Mittagspause wollen wir wieder mit den übrigen Teilnehmerinnen und Teilnehmern im Fahrerlager einnehmen. Auf dem Rückweg bauen wir noch auf dem Gelände des Flugplatzes einen kleinen Umweg über einen Waldweg ein. Dieses Mal fahre ich vorne. Wie aus dem nichts fliegt plötzlich eine kleine PW 40 quer über den Weg. Links des Weges hatte sie auf einer kleinen Rampe abgehoben und zerlegt es den Heißsporn rechts des Weges in einem kleinen Busch. Ich lächle eine Sekunde in mich hinein, um im nächsten Augenblick zu realisieren, dass ich den Helm kenne und somit vermutlich auch den Krieger darunter. Im Spiegel nehme ich noch wahr, wie er sich aufrappelt, das Bike etwas verstohlen aufrichtet und dann seine Fahrt fortsetzt.

Auch der Nachmittag bringt uns zurück auf das Geläuf in der Schorfheide und so kommen wir am Sonntagabend wohlbehalten wieder im Fahrerlager an. Immerhin 130 KM haben wir am Nachmittag noch geschafft und sind um 17:00 Uhr zur Verabschiedung zurück. Gemeinsam mit meiner Frau und meinen Kindern verlade ich die Motorräder helfe noch die Parcours wieder abzubauen und als meine Familie um 18:30 Uhr ins Wohnmobil steigt fängt es dann doch an zu regnen. Auf den 2 Stunden nach Hause werde ich richtig nass gemacht.

Glücklich fallen wir abends ins Bett, mit tollen Erlebnissen aufgefrischt für die kommende Schul- und Arbeitswoche. Und das Beste: das mir von Gott zugemutete Weib hat sich für das kommende Wochenende für Ihr erstes Renntraining eingetragen.

Anm.:
Alle Kinder sind heute erwachsen und haben bereits die Fahrerlaubnis oder sind gerade dabei. Alle fahren gerne Motorrad.

Die kleine mit dem großen Motorrad hat sich nach dem Training ein passendes Motorrad gekauft.

Und die ängstliche junge Frau von damals fährt seit zwei Jahren nicht mehr Motorrad – Babypause. Davor hat sie aber sogar noch an einigen Endurotrainings teilgenommen und fährt außerordentlich sicher.

Meine Frau und ich verbringen sehr viel unserer freien Zeit auf den Rädern, die die Welt erreichen Very Happy
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BeitragVerfasst am: 02.01.2017, 18:08   Titel:

Der schwedische Koffer

Die BMW-Garmisch-Days sind nicht nur eine gute Gelegenheit, das Neueste in Sachen Motorrad-Technik kennen zu lernen. Wenn sich 20-30 tausend Motorradfahrer treffen, dann ist auch immer genügend Partylaune vorhanden, um ein richtig schönes Wochenende zu verleben.

Damit aber genug der Werbung. Wink

Eine weitere Gelegenheit ist dabei nämlich auch immer der Abstecher in die angrenzenden Alpen.
Anders wäre die weite Anfahrt von Berlin über München nach Garmisch-Partenkirchen wohl auch nicht zu rechtfertigen, als dass man daraus gleich eine komplette Reise macht. Und wenn sich schnell nette Kontakte ergeben, dann steht natürlich auch einer gemeinsamen Ausfahrt vor Ort nichts im Wege.

So kam es also, dass wir an einem warmen und sonnigen Juli-Tag in den Vorderalpen schon auf österreichischer Seite in einer kleinen Gruppe von vier Maschinen Kurven räuberten. Allesamt waren wir auf GS’en der verschiedensten Baujahre unterwegs. Von einer „echten“ 100er GS über die Vierventiler-Generation der 1100er, 1150er bis zur damals neuen 1200er, die ich mein Eigen nennen durfte. Ich fuhr an dritter Stelle und so wurde ich Zeuge der folgenden Szene: mitten in einem Waldgebiet klopfte die Sozia unseres Tourenguides ihrem Göttergatten plötzlich kräftig auf die Schulter und gab ihm heftig gestikulierend unmissverständliche Order, dass er doch gefälligst wenden und zurück fahren möge. So legte unser Grüppchen eine Kehrtwende ein und alle Fahrer fragten sich, was sie alle offenbar übersehen haben mussten und nur dem entspannten Blick einer Sozia nicht verborgen blieb.

Sie dirigierte ihren Chauffeur etwa einen Kilometer zurück zu einem kleinen Parkplatz. Genau genommen war das kein Parkplatz sondern eher eine neben der asphaltierten Straße gelegene, mit Schotter überzogene Nothalte-Bucht von etwa dreißig Metern Länge und etwa zehn Metern Breite. Was wir alle nicht gesehen hatten, war, dass dort mitten auf dem kleinen Platz ein Motorrad-Koffer lag. Es war nicht erkennbar, ob es sich um einen Seitenkoffer oder um ein Topcase handeln würde, denn die Halterung war nicht mehr auszumachen. An den Seiten konnte man die abgebrochene Aufhängung erkennen. Wir gerieten ein wenig in Panik. Was sollte wohl ein Koffer so allein auf weiter Flur machen? Noch dazu beschädigt. Sollte das Schicksal wirklich so grausam gewesen sein und es sich hier über den Überrest eines Unfalls handeln? Denn nur zur Erinnerung: wir befanden uns in den Bergen. Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Unfall unbemerkt bliebe, weil das verunfallte Fahrzeug abseits der Straße einen senkrechten Abgang gemacht hätte.

Wir befürchteten also das Schlimmste! Unser erster Weg führte uns dann zum Abhang des Berges, der gleich hinter dem Schotterplatz kam. Laut rufend stapften wir den steilen Abhang hinunter, so gut es mit den schweren Stiefeln nur möglich war. Vor dem geistigen Auge sah ich schon das kaputte Motorrad mit seinem verletzten Fahrer. Aber dieser Anblick blieb uns erspart. Weder reagierte irgendjemand auf unsere Rufe, noch war optisch auch nur der kleinste Hinweis auf einen Unfall auszumachen.

Also hieß es zurück – oder besser: wieder hinauf – zum Schotterplatz. Wir wollten den Koffer jetzt genauer inspizieren. Überraschenderweise ließ er sich auch leicht öffnen. Es gab zwar ein Schloss aber offenbar war der Besitzer in dieser Frage nachlässig genug und ließ es unverschlossen, so dass wir nun kein weiteres Hindernis zu meistern hatten. Wir öffneten den Koffer, wühlten uns durch ein paar Wäschestücke und förderten zwei rosafarbene Reisepässe zu Tage. So hatten wir also gleich das Paar vor Augen, das jetzt wohl kofferlos unterwegs sein musste. Es handelte sich um zwei junge Schweden. Die Reisepässe waren aber nicht alles, was wir fanden. In einer Klarsichthülle und in der unverwechselbaren Optik einer ausgedruckten Outlook-eMail fanden wir den Schriftverkehr, in dem ein Reisebüro seinen Kunden einen detaillierten Reiseplan schickte, aus dem für jeden Tag der Reise das Hotel mit seiner konkreten Anschrift hervorging. Ein Blick diese Liste hinab beschied uns also, wo das Paar hin wollte, wo sie genau heute übernachten würden.

Mit der neuen BMW hatte ich mir damals auch den Luxus eines Motorrad-Navigationsgerätes geleistet. Damals noch eine horrend teure Angelegenheit, sollte das gute Stück nun sein Können beweisen. Ich tippte die Adresse des in Österreich liegenden Hotels ein und wählte die Option der kürzesten Strecke und vernahm nach einer kleinen Rechenpause, dass die Fahrt gerade einmal 35 Kilometer hätte und wir in einer halben Stunde dort sein sollten.

Soweit also prima. Blieb nur noch ein Problem: wie sollten wir den defekten Koffer verstauen? Da tat uns der Zufall einen Gefallen: er schickte uns genau in diesem Augenblick einen Traktor vorbei, dessen Fahrer uns fragen wollte, ob es uns denn gut ginge, denn man sei es in der Gegend gewöhnt, dass eine angehaltene Gruppe Motorradfahrer zumeist Übles befürchten lässt. Wir erklärten dem Landwirt unsere Situation und dass es nun darum ginge, den Koffer ohne Halterung auf einer unserer Maschinen zu befestigen. Er reichte uns ein paar feste Schnüre, mehr war nicht an Bord. So knoteten wir diese vielen dünnen Strippen wie ein Spinnennetz um den Koffer herum und befestigten ihn auf dem „Thron“ (dem Heck einer 12er GS) halbwegs so, dass er nicht gleich herunterfliegen würde, wenn man einmal Gas geben würde. So zusammen geschustert konnten wir dann unsere Fahrt antreten.

Übrigens sei nach mehreren Jahren mit Navi-Erfahrung davon abgeraten, in den Bergen die Option „kürzester Weg“ zu wählen. Das kann oftmals wirklich abenteuerlich werden. An diesem Tag war es jedoch nicht so. Wir fuhren auf kleinen, abseits gelegenen Straßen dem Hotel entgegen. Wir passierten dabei einsam gelegene Plätze, die eine tolle Aussicht boten und das Schönste war, dass wir praktisch keinen anderen Verkehr mehr beachten mussten, denn während alle anderen Auto- und Motorradfahrer auf den Hauptstraßen blieben, waren wir auf unserer Nebenstrecke ganz allein unterwegs. So erreichten wir dann bald das Ziel, das Navi behielt mit seiner Prognose Recht. Nach etwa einer halben Stunde standen wir vor dem Hotel.

Hier hielten wir nun Ausschau. Mit den beiden Pässen in der Hand guckte ich mich um, ob ich die junge Frau und ihren Freund (verheiratet konnten sie laut Pass nicht sein) erkennen würde. Aber weit und breit war kein auch nur ansatzweise dem ähnelnder Mensch auszumachen. Auch der Blick auf den Parkplatz vor und hinter dem Hotel, auf der Suche nach Motorrädern mit schwedischem Kennzeichen, blieb erfolglos.

Als wir da so ratlos umherstanden und schon überlegten, ob wir den Koffer einfach beim Wirt abgeben sollten, vernahmen wir mit einem Mal Motorengeräusche. Wir blickten dem Verband von fünf Maschinen entgegen, ließen ihn an uns vorbeifahren, so dass wir ihm auf die Kennzeichen schauen konnten und siehe da: alles waschechte Schweden. Da hatte es der fliegende Koffer also tatsächlich geschafft, noch vor seinem Besitzer am Hotel einzutreffen!

Als die Gruppe beim Absteigen von den Maschinen war, machte ich sofort das Pärchen aus, das um einen Koffer ärmer war. Ein Blick genügte: die beiden Seitenkoffer waren tatsächlich noch dran, aber das Topcase hatte einen Abflug gemacht. So jedenfalls verkündete es die einsam zurück gelassene Halterungs-Platte. So baute ich mich vor dem verdutzt schauenden Fahrer auf, blickte ihm fest in die Augen, hob in klassischer Grepo-Manier (so nannte man als alter West-Berliner die Grenzposten der DDR, die die Ausweiskontrollen durchführten) den Reisepass zwischen uns auf Augenhöhe, so dass ich mit gespielt ernstem Gesichtsausdruck und ohne den Kopf bewegen zu müssen, den Blick wandern lassen konnte von Schwede zu schwedischem Pass und wieder zurück, und noch einmal hin, noch einmal zurück und noch einmal hin. Mit tiefer Stimme grollte ich dem Fireblade-Fahrer (ein Hoch auf die biegsame Sozia) noch entgegen: „Is it really You?“ und endlich schien er den Spaß zu begreifen, dass ich mit den verloren geglaubten Reisepässen vor ihm stand. Jedenfalls entspannte sich seine anfangs ernste Mimik und ich deutete ihm hinüber zu meiner Maschine, wo sein Koffer unter einem Dickicht von dünnen Schnüren klar erkennbar war.

In Touristen-Englisch tauschten wir uns weiter aus. Ich erzählte ihm vom Auffinden und Herbringen des Koffers, während er mir davon erzählte, wie es passierte. Oder besser gesagt, wie es aller Wahrscheinlichkeit nach passiert sein musste. Denn von dem Vorgang selbst hatte er – genauso wenig wie seine Sozia – gar nichts mitbekommen. Er fuhr an letzter Position in der Gruppe und so gab es weder Augen- noch Ohrenzeugen von dem Geschehen. Nur, dass seine Sozia eben irgendwann bei einem Stopp in irgendeiner kleinen Stadt plötzlich bemerkte, dass es am Rücken doch etwas luftiger und kühler geworden sei so ganz direkt dem Fahrtwind ausgesetzt. Seiner Wortwahl konnte man zwischen den Zeilen entnehmen, dass es mit der unachtsamen Sozia wohl inzwischen eine aufschlussreiche Diskussion gegeben haben musste. Jedenfalls, weil man nicht mehr genau wusste, welchen Weg man genommen hatte, machte es keinen Sinn, umzukehren und den Koffer zu suchen. So beschloss man, weiter zur Unterkunft zu fahren und das Beste zu hoffen. Na ja, das Beste war dann ja wohl auch eingetreten.

Der Wirt des Hotels hatte die Sache inzwischen mitbekommen. Zum Dank dafür, dass wir so gut für seine Gäste gesorgt hatten, lud er uns alle zu Kaffee und Kuchen ein. So konnten wir unseren Plausch noch ein wenig weiter fortsetzen, bevor wir uns voneinander verabschiedeten und selbst wieder der deutschen Alpen-Seite zusteuerten.

Fazit: die Sozia traf keine Schuld! Wer es schafft, auf einer Fireblade auf dem Sitzbrötchen Platz zu nehmen, dabei die Knie bis zu den Ohren hoch zu ziehen, und sich den knappen Platz auch noch mit einem Topcase teilen muss, der ist auch so schon nicht mehr ganz zurechnungsfähig! Und das sollte einem routinierten Biker bewusst sein. Ist denn nicht das die Einstiegsqualifikationen der meisten Motorradfahrer? Wink
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BeitragVerfasst am: 07.01.2017, 02:32   Titel:

Die wuchernde Eiche

Will man eine Meute von Kilometer fressenden Tourenfahrern anständig bespaßen, dann gilt es, immer wieder neue, interessante und des „Sehens würdige“ Örtlichkeiten zu finden.

So führte mich ein Streifzug durch das Internet eher zufällig auf eine Seite von Mountain-Bikern, die von einem Naturdenkmal der ganz besonderen Art berichteten: mitten im Havelland in der Nähe des Ortes Haage, so wurde erzählt, gäbe es ein glanzvolles Naturschauspiel. Denn dort stünde ein Baum, der eigentlich zwei Bäume in einem sein solle. Aber im Gegensatz zu anderen wuchernden Gewächsen, die einfach nur mehrere Stämme in einer Wurzel besaßen, würde es sich bei diesem um einen sehr untypischen Zwilling handeln. Es wäre ein wunderbarer Anblick, wie da „eine Kiefer aus einer Eiche“ geradezu entspringen würde. Also ein Baum, der einen anderen vollständig umwachsen hätte und beide in völlig natürlicher Symbiose miteinander und voneinander leben würden. Ein einmaliges Naturschauspiel, das man sich nicht entgehen lassen dürfe. Und um dem Ganzen auch einen seriösen Anstrich zu geben, wurde darauf hingewiesen, dass es sich um ein offizielles Naturdenkmal handeln würde.

Der Nachteil bei solchen Schilderungen ist, dass man nicht genau weiß, wo ein solches Objekt zu finden ist. Die reine Ortsangabe „bei Haage“ genügt zwar als grobe Orientierung. Aber wenn man mit einem Pulk von Motorrädern unterwegs ist, ist es nicht empfehlenswert, erst vor Ort mit Hilfe vieler Kehrtwenden und unter Begleitung der von kraftstrotzenden Motoren verursachten Geräuschkulisse nach dem Ziel zu suchen und dadurch die Anwohner zu stören. Also war es erforderlich die geplante Strecke abzufahren und den genauen Zielort ausfindig zu machen, um ihn direkt ansteuern zu können. So machte ich mich eines Tages nach der Arbeit auf den Weg.

Es ging in das wunderschöne Havelland. Der westlich von Berlin gelegenen Landschaft widmete der Dichter Theodor Fontane in seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ einst einen eigenen Band. Nicht zuletzt durch dessen Gedicht über den Herrn von Ribbeck auf Ribbeck und dessen Birnbaum, das bis heute im Schulunterricht behandelt wird, erlangte die Gegend große Bekanntheit. An diesem späten Nachmittag lag das Terrain in mildem Sonnenlicht. Bis zum Mittag hatte es noch geregnet. Und auch, wenn die Straßen schon einigermaßen trocken waren, hatte die Sonne an diesem Frühlingstag noch nicht die genügende Kraft, überall die restlichen Wasserpfützen zu verdampfen.

Etwa zehn Kilometer hinter dem schon erwähnten Ort Ribbeck erreichte ich mein Ziel. Das Knattern meines Motors riss das freundlich verschlafen daliegende Dorf namens Haage förmlich aus seinem Dämmerzustand. Wie es nur allzu häufig in der Mark zu beobachten ist, litt auch dieses Örtchen unter dem Schwund seiner Bewohner, die es immer mehr in die größeren Städte zog, weil es dort eher Lohn und Brot versprach. Viele Fenster der alten Häuser waren dunkel und nicht mehr mit Gardinen verhangen und auf den Wegen waren zunächst keine Menschen zu sehen. So kurvte ich auf meinem Motorrad kreuz und quer in alle vier Himmelrichtungen durch den Ort, in der Hoffnung, auf ein Schild oder einen sonstigen Hinweis auf das Naturdenkmal zu stoßen oder gar auf das Objekt selbst, das vielleicht mitten im Ort anzutreffen wäre. Dies wäre schließlich die beste aller Lösungen, denn der Motorradfahrer ist kein sehr glücklicher Fußgänger. Die schweren Klamotten und die eng anliegenden Stiefel erschweren die Beweglichkeit aller Körperteile sehr und ein allzu langer Fußmarsch ist nicht nur kräfteraubend sondern wird außerdem umgehend mit Schwielen und Blasen geahndet.

Die Hoffnung erfüllte sich nicht. Nirgends war auch das geringste Anzeichen auf überhaupt irgendeine Sehenswürdigkeit zu entdecken. Also musste jetzt doch ein Ortsansässiger gefunden werden, denn einfach so die Flinte ins Korn zu werfen, kam gar nicht in Frage.

Als ich weiter so dahin durch den Ort bollerte, fiel mein suchender Blick irgendwann auf eine ältere Dame. Als ich mich ihr von hinten näherte, bemerkte ich ihren Rollator, auf dem sie gestützt ihres Weges zog. Vor meinem geistigen Auge spielten sich ganz spontan dramatische Szenen ab, wenn ich sie mit meinem großen und lauten Motorrad erschrecken würde, wenn ich plötzlich neben ihr auftauchen würde und sie sich panikartig umdrehen könnte, den Kontakt zu ihrer Gehhilfe verlieren würde, aus dem Gleichgewicht geraten und der Länge nach auf den Weg hinschlagen würde. So besann ich mich eines Besseren und vermied es, die alte Dame hinterrücks anzusprechen und fuhr langsam weiter die Straße hinab.

An einem Ortsausgang, hinter dem gleich der dichte Wald begann, sah ich, dass ein Plattenweg direkt in das Dickicht führen würde. Diese Plattenwege, bei denen für die zwei Spuren eines Autos oder eines Traktors jeweils ein fester Untergrund mit Hilfe einzeln verlegter Betonplatten hergestellt wurde, ist im Brandenburgischen häufig anzutreffen, weil sie eine günstige Alternative zum gewöhnlichen Straßenbau sind. Für die zweirädrige Fraktion versprechen diese Pfade zumeist eine tolle Gelegenheit, abseits von den vielbefahrenen Land- und Bundesstraßen die Mark von ihren schönsten Seiten kennen zu lernen. Allerdings braucht es dafür aber auch ein gerüttelt Maß an Fahrvermögen, um bei angemessenem Tempo übers Land zu fahren und nicht ins lockere Erdreich abzurutschen. Im heutigen Fall allerdings war der Plattenweg zunächst einmal ein Hoffnungsschimmer, dem gesuchten Ziel deutlich näher zu kommen. Also schlug ich die Richtung zu ihm ein.

Nach etwa hundert Metern und schon außer Sichtweite des Ortes traf ich auf ein junges Mädchen. Im Gegensatz zu der vorherigen alten Dame war ich mir sicher, bei dem Teenager nicht gleich einen plötzlichen Herztod auszulösen, wenn ich mit meinem Motorrad unvermittelt neben ihr auftauchen würde. Also hielt ich auf sie zu. Neben ihr angekommen, erschrak aber auch sie sehr heftig und drehte sich hektisch zu mir um. Ihre Drehbewegung sah irgendwie merkwürdig aus. Sie hielt ihre Hände sehr tief, so dass das ganze aussah, als ob sie eine Pirouette drehen würde. Als sie mir im Angesicht gegenüberstand, barg sie ihre Hände hinter dem Rücken versteckt. Was war es wohl, dass sie geheim halten wollte? Zunächst kümmerte ich mich nicht weiter darum und versuchte, meine etwas komplizierte Frage nach dem Baum, der eigentlich zwei in einem war und ein richtiges Naturdenkmal darstellen würde, so einfach wie nur möglich zu formulieren. Während sie meinen Wortschwall über sich ergehen ließ, erkannte sie wohl, dass ich in keiner offiziellen Mission unterwegs war und insbesondere kein Förster oder eine ähnlich erschreckende Amtsperson war. Darauf fasste sie nun den Mut und lüftete das Geheimnis. Sie zog ihre Arme wieder hervor und siehe da, das Teenie-Girl nahm einen kräftigen Zug von ihrer Zigarette und qualmt fröhlich mitten im Wald weiter. Lachend gab sie mir außerdem zu verstehen, dass sie sowieso nicht von hier sei und mir daher nicht weiterhelfen könne. Erst später wurde mir der Grund für ihr Erschrecken klar. Nicht nur, dass das Mädel mitten im Wald ihren Glimmstängel entzündet hatte, gab es erst vor kurzem eine Änderung des Jugendschutzgesetzes, wonach es Jugendlichen unter 18 Jahren generell verboten war, in der Öffentlichkeit zu rauchen. Mein pädagogischer Beitrag heute bestand also darin, dass ich ihr zumindest für kurze Zeit ein schlechtes Gewissen machen konnte.

Meinem Ziel war ich indes kein Stück näher gekommen. Also drehte ich wieder um und fuhr erneut in den Ort hinein, in der Hoffnung, einen anderen Auskunftgeber zu finden.

Endlich entdeckte ich einen richtig lebendigen Menschen, nicht zu jung, nicht zu alt, der sich auskennen sollte. Denn es handelte sich um einen vielleicht dreißigjährigen Mann, der sich als Auslieferungsfahrer entpuppte. Die Beschriftung auf der Plane seines Transporters verriet, dass er in einem Nachbarort wohnte. Also ein Top-Kandidat! Ich steuerte ihn an, stellte meinen Motor ab, lüftete meinen Helm, stieg von der Maschine und begann meine Frage nach den zwei Bäumen, die eigentlich nur einer waren … und so weiter. Er hörte sich mein Anliegen ruhig an, um meine aufkeimende Hoffnung aufs Neue zu Boden zu werden. Denn wo ich das Objekt meiner Begierde finden könnte, wusste auch er nicht. Obwohl er beschwor, in seiner Kindheit dieses phänomenalen Anblicks einmal wahrhaftig geworden zu sein, konnte er sich nicht erinnern wo die Dinger denn zu finden wären. Aber ganz sicher sei es mitten im tiefen Wald gewesen, sehr, sehr weit weg vom Ort. Bei dieser Bemerkung kamen mir dann doch die ersten Zweifel, ob das ganze denn überhaupt noch als Tourenziel dienen könne. Der Kurier führte noch weiter aus, dass einer der Anwohner es genauer wissen müsste. Auf diese Worte hin wandte er sich von mir ab und ohne jede Vorwarnung rannte er plötzlich los zu einem nahe gelegenen Haus und begann mit hektischen Bewegungen an der Türe zum Grundstück Sturm zu klingeln. Als nach seinen Bemühungen niemand öffnete, kam er enttäuscht wieder und riet mir, es in dem benachbarten Wirtshaus zu versuchen.

Das Wirtshaus war mir beim Durchstreifen des Dorfes auch schon aufgefallen. Nur ging ich davon aus, dass es das Schicksal vieler gastronomischer Betriebe auf dem Lande teilen würde und geschlossen sei, denn obwohl es langsam schon dämmerte, waren sämtliche Fenster dunkel und auch die Laternen auf der etwas erhöhten Terrasse ausgeschaltet. Jedenfalls tat ich wie mir geheißen und erklomm die wenigen Treppenstufen hinauf auf die Terrasse, wo sich auch die Eingangstür zum Restaurant befand. Entgegen meiner Erwartung war die schwere, aus dunklem Holz gearbeitete Pforte unverschlossen. Ich betrat das Innere und konnte am Ende des Gastraumes hinter dem Tresen den Wirt ausmachen, der mit dem Spülen der Gläser beschäftigt war.

Ich hielt auf ihn zu und als ich so unbekümmert durch den Raum tapperte, fiel mein Blick auf die beigefarbenen Fliesen und ich bemerkte, dass sie noch feucht glänzten. Sie mussten also gerade frisch gewischt worden sein. Eine nicht gerade empfehlenswerte Kombination, wenn man Stiefel an den Füßen trug, die vom halb nassen Asphalt noch ziemlich schmutzig waren. Und richtig! Als ich mich schuldbewusst ein Stück weiter nach hinten umdrehte, konnte ich eine sehr genaue Spur ausmachen, die ich gerade hinter mir herzog. Meine schwarzen Stiefelabdrücke prangten nur so auf dem hellen Untergrund. Meinem beschämten Blick schloss sich der Wirt an. Seine entgeisterten großen Augen hafteten vorwurfsvoll an mir – aber immerhin blieb er freundlich und erwiderte meinen Gruß. Ich setzte aufs Neue mit meinen Erklärungsversuchen an und diesmal schien ich einen Schritt weiter zu kommen. Denn nachdem er sich mein Anliegen angehört hatte, bestätigte er, diese Bäume schon einmal vor vielen Jahren gesehen zu haben und konnte sich ebenfalls erinnern, dass das mitten im Wald gewesen sei und auch nicht so ohne Weiteres zu finden wäre. Aber ganz Gastwirt wollte er mich nicht im Ungewissen lassen und schlug mir vor, mir den Weg zu zeigen. So traten wir beide auf die Terrasse hinaus. Dort begann er mit richtungsweisenden Gesten. Seine Arme flogen nur so um ihn herum und er drehte sich mehr als einmal um die eigene Achse bei dem Versuch, mir die richtige Orientierung zu geben. Doch als es dann zum fünften oder sechsten Mal hieß, dass ich an dieser oder jenen Stelle nach links oder rechts abbiegen müsse und diesen oder jenen Weg einschlagen und hüben oder drüben einen solchen oder anderen markanten Punkt passieren solle, strich ich innerlich die Segel und war überzeugt davon, dass sich die Welt gegen mich verschworen hatte. Aus dieser Tour würde wohl nichts mehr werden und ich wollte alle Hoffnung begraben. Er meinte noch, dass ich ja auch den Pächter fragen könne. Dies sei schließlich „einer von den Bredows“, also einem Angehörigen eines der ältesten Adelsgeschlechter aus der Gegend.

Gerade bei dieser Bemerkung wurde die ruhige dörfliche Idylle jäh unterbrochen. Vom anderen Ende der Straße tönte es plötzlich laut zu uns herüber: „Mensch den Weg findet der doch nie. Fahr’ doch mal mit ihm ’rüber!“

Wie sich herausstellte, hatte der Auslieferungsfahrer doch noch jemanden erreicht und die Anwohner auf mein ganz besonderes Problem aufmerksam gemacht. So kam uns jetzt fröhlich winkend die Frau des Nachbarn entgegen, bei dem das Sturmklingeln zuvor erfolglos verstrichen war. Offenbar waren sie inzwischen nach Hause gekommen und wollten wir bei meiner Suche behilflich sein. Zumindest die Dame des Hauses. Sie lief weiter auf uns zu doch als sie merkte, dass der Wirt keine Anstalten machte, ihrem Vorschlag Folge zu leisten – er konnte ja auch schlecht das Restaurant alleine lassen – drehte sich die Dame zu ihrem Gatten um und machte dem gelangweilt am Gartenzaun lehnenden Mann klar, dass sie ihren Vorschlag ernst meinte. Sie bot ihm lauthals sogar an, dass er ihren Wagen nehmen könne.

Mir war die Sache inzwischen ziemlich peinlich, dass das halbe Dorf in Aufruhr geraten war. Aber andererseits fand ich die Idee trotzdem nicht schlecht. Also ging ich hin zu dem weißhaarigen Herrn und nach kurzer Beratschlagung schloss ich mein Motorrad ab, klemmte mir den Helm unter den Arm und nachdem er sich die Autoschlüssel aus dem Haus geholt hatte, trafen wir uns bei dem Wagen seiner Gattin. Der kleine weiße Opel Kombi strahlte frisch gewaschen aus allen Poren. Wir stiegen ein und ich verstaute den Helm zwischen meinen Beinen, bevor ich mich in der Enge des Wagenfonds anschnallen konnte. Mit sanftem Schnurren startete der Motor und so konnte die Reise ins Unbekannte losgehen.

Ich nahm mir fest vor, mir den zurück gelegten Weg ganz genau einzuprägen und kramte alle Kniffe der Mnemotechnik aus dem hintersten Stübchen meiner grauen Zellen. Zunächst ging die Fahrt über den besagten Plattenweg, auf dem sich inzwischen auch kein rauchender Teenie mehr befand. Bald darauf bogen wir auf eine breitere Landstraße ein und nach wenigen hundert Metern drehten wir ohne weitere Vorwarnung des Chauffeurs irgendwo unvermittelt im rechten Winkel ins Gelände ab. Sofort umschloss uns die Dunkelheit des dichten Waldes. Während zuvor noch die abendliche Dämmerung auf freiem Feld für ausreichendes Tageslicht gesorgt hatte, leisteten die Scheinwerfer des Autos jetzt ganze Arbeit und strahlten zwei sich klar abzeichnende Lichtkegel in die Finsternis. Und ein Blick genügte, dass man keinen Gedanken mehr an einen festen Weg verschwenden brauchte. Für die geplante Motorradtour bedeutete dies ein vorzeitiges Aus. Nicht aber für das jetzige kleine Abenteuer, denn wir waren noch lange, lange nicht am Ziel.

Es ging einige hundert Meter auf rutschigen Pfaden immer tiefer in das Dickicht. Weil es in den letzten Tagen oft geregnet hatte und die Sonne es sehr schwer hatte, in den Wald hinein zu scheinen, waren die Wege nicht nur feucht. Nein, sie waren ein reiner Sumpf! Das Erdreich war völlig aufgewühlt. Überall hatten sich mehrere Meter lange und breite richtig tiefe Pfützen gebildet und jedes Mal, wenn mein Kutscher eine solche ansteuerte, sah ich mich schon allein und verlassen im Wald stehen und einen festsitzenden Wagen ausbuddeln.

Aber denkste! Sehr gekonnt umkurvte der ältere Herr die tiefen Wasserlachen und die modrigen Wegesmitten. Elegant steuerte er die bemoosten Hänge zu den Bäumen an und nutzte oben angekommen den Schwung von einer solchen Schräge herab kommend aus, um mit dem Wagenheck durch eine noch so tiefe Wassermasse zu rutschen und schaffte es jedes Mal, unter Erzeugung einer riesigen Bugwelle sicher am anderen Ufer anzukommen. Dieses andere Ufer bestand natürlich auch wieder aus weichem Morast aber immerhin griffig genug, um darauf auch wieder ein Stück bergauf fahren zu können und zum nächsten Surfing ansetzen zu können. Nur so zur Erinnerung: es handelte sich bei dem Fahrzeug um einen kleinen, frisch gewaschenen, weißen Opel Kombi mit Frontantrieb – und nicht etwa um ein Allrad-Geländefahrzeug!

So rutschten wir weiter durch die Gegend. Währenddessen sich meine Sitzposition nicht veränderte. Stets mit dem Schlimmsten rechnend, versuchte ich meinen Helm zwischen den Füßen zu fixieren und mich selbst am Haltegriff im Dachhimmel.

Zwischendurch gab es ein echtes Schauspiel. Als wir gerade wieder durch eine der vielen Untiefen schlitterten, brach etwa 20 Meter vor uns ein ganzes Rudel riesiger Hirsche aus dem Unterholz und kreuzte unseren Weg. Mein Fahrer stoppte das Fahrzeug, um die Tiere nicht unnötig aufzuscheuchen. Und für einen Augenblick vergaß ich meine Angst, in diesem Morast auf nimmer Wiedersehen zu versinken und beobachtete das Rotwild. Es war beeindruckend. Der Tross nahm gar kein Ende. Es mussten so etwa 30 Tiere gewesen sein und viele Männchen hatten ein prächtiges Geweih. Sie liefen dicht aneinander gedrängt von der einen Seite auf die andere und ebenso plötzlich, wie sie erschienen waren, verschwanden sie auch wieder spurlos im Unterholz.

Als das Intermezzo beendet war, setzten wir unsere Reise fort. Mehrfach bogen wir nach links oder rechts ab und es gab schon längst keine Anhaltspunkte mehr, die mich diesen Weg hätten wiederfinden lassen, ganz zu schweigen davon, überhaupt wieder aus diesem düsteren Wald hinauszufinden. Ich hatte also hoffnungslos die Orientierung verloren und so blieb mir keine andere Wahl, als meinem Tourguide blind zu vertrauen.

Irgendwann hielt der gute Mann unversehens an und sagte: „Da ist es.“ Ich blickte mich fragend um und sah den Baum vor lauter Wald nicht. „Na da vorne.“, sagte er und zeigte mir das „Naturdenkmal“. Wir stiegen aus, wobei mich erneut die Furcht erfasste, dass dieser Stopp den Wagen versinken lassen könnte, und wir betrachteten uns das „Wunder“ genauer. Irgendwie hat mich der Anblick dann doch enttäuscht. Es war eigentlich nichts weiter, als dass die beiden Bäume nur sehr eng beieinander standen. Ok, die Wurzeln reichten gemeinsam in das Erdreich hinein. Aber ansonsten wuchsen beide Bäume recht hoch und dabei sich ein wenig umschlingend aber sich kaum berührend. Das war’s. Weit und breit nichts zu sehen von einer „wuchernden Eiche“ oder einer daraus „springenden Kiefer“. Nichts. Nada. Niente. Ein glatter Schuss in den Ofen.

Der nette Herr schien meine Entmutigung zu spüren und so versprach er mir noch ein weiteres Naturdenkmal, das auch hier in der Nähe sei, nämlich die alte „Förster-Eiche“. Wieder ging es pfützen-surfend über hügelige, sandige, matschige Waldwege. Aber auch das nächste Objekt war leider nichts anderes als nur ein besonders gerade gewachsener, sehr großer Baum. Aber trotz seines Alters von ca. 220 Jahren, seiner Größe von etwa 30 Metern und seines Umfangs von ungefähr 5,20 Metern war es eben nur ein Baum inmitten des Waldes. Und so war er nicht sehr auffällig – im Gegensatz zum Beispiel zur „Schwedenlinde“, einer ebenfalls gigantischen Vertreterin ihrer Art im Örtchen Brielow nahe der Stadt Brandenburg an der Havel. Aber immerhin: bei diesem Wunderwerk hier handelte es sich tatsächlich auch um ein offizielles Naturdenkmal des Landes Brandenburg. Unter der Nummer 71/0101B ist die Förster-Eiche in der Gemeinde Friesack und der Gemarkung Haage verzeichnet.

Für mich ein wenig ernüchtert traten wir die Heimfahrt an. Doch eine Sache wollte ich noch wissen und so nahm ich die Gelegenheit wahr, den Mann danach zu fragen, wo er es gelernt habe, so elegant über diese nass-sumpfigen Straßen zu gleiten. Es stellte sich heraus, dass er jetzt zwar Ruheständler sei aber zuvor jahrzehntelang als Waldarbeiter in genau dieser Gegend, also in Luftlinie im Radius von 50 km um seinen Wohnort herum gearbeitet habe. Da musste es halt immer schnell gehen, wenn man zum Essen nach Hause wollte. Nun wurde mir einiges klar und es war ganz merkwürdig aber von sofort an lehnte ich mich gemütlich und ganz entspannt in meinem Sitz zurück und war mir auf einmal sicher, auch wieder heile zu Hause anzukommen. So genoss ich das letzte Stück unseres gemeinsamen Weges und war dann doch froh, als wir wieder festen Asphalt unter den Pneus hatten.

Nach knapp einer halben Stunde war der Ausflug vorbei. Inzwischen dunkelte es sehr. Als wir dem Wagen entstiegen waren, war das Malheur nicht zu übersehen: der frisch gewaschene und weiß blitzende Wagen war jetzt bis zu den Fenstern übersäht mit einer dicken Schlammschicht, die bereits angetrocknet war und so eine fest sitzende Kruste gebildet hatte. ‚Na ja‘, dachte ich so bei mir. ‚Er hat jetzt gut lachen – immerhin war es ihr Auto.‘

Ich bedankte mich bei meinem Reiseführer und als wir uns verabschiedeten, versprach ich, irgendwann einmal mit einer Motorradgruppe vorbeizukommen, um in dem örtlichen Gasthof wenigstens mal einen kleinen Umsatzschub auszulösen, wenn es schon mit der Fahrt zur „Wuchernden Eiche“ nichts wird.
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BeitragVerfasst am: 03.04.2017, 13:10   Titel: Deutsch-schweizerische „Feindschaft"

Deutsch-schweizerische „Feindschaft"

Meine erste Reise durch die Alpen führte meine Freunde und mich auch auf schweizer Straßen. Bei den vielen Kilometern muss hier und da auch einmal das Beziinfass zwischen den Knien aufgefüllt werden. Business as usual eben.

Wir rechneten nicht mit den Tücken der örtlichen Technik an den Tankstellen, die sich deutlich von dem unterscheidet, was wir in merry old Germany kennen. Die meisten Tankstellen sind vollautomatisch zu bedienen und bedürfen weder einer KassiererIn noch einem Tankwart.
Wir stehen zu viert an einer Säule, um gemeinsam die Tanks zu füllen. Einer von uns steht am Automaten und macht sich mit der Benutzung der Anlage vertraut. Klar, dass das etwas dauert.
Inzwischen ist ein andere Mann von hinten an unseren Freund heran getreten - und wartet.
Auch er ist mit zwei anderen Töff-Fahrern (so heißt’s in der Schwyz) unterwegs und ist nicht nur der Älteste, sondern seines Verhaltens gemäß der Leitwolf.
Da wird’s ihm scheinbar zu bunt mit der Leserei unseres Freundes. Er mault ihn in rüdem Ton an, endlich einmal zu Potte zu kommen. So, wie es seinem Habitus als Leitwolf wohl gut zu Gesichte steht.
Aus dem Konzept gebracht und völlig überrascht ob dieses Angriffes kann mein Kumpel nichts erwidern. er schaut ein wenig ratlos zu uns. Das weckte meinen Beschützerinstinkt. So, wie der Schweizer sich im Ton vergriff, blaffte ich zurück: „Statt blöde zu maulen, könntest Du ja einfach mal helfen und das alles etwas beschleunigen! Ansonsten halte einfach die Luft an!“
Der Typ sieht mich an, scheint nachzudenken - und trollt sich…
Wir schlossen in Ruhe unseren Tankvorgang ab und fuhren unseres Weges.

* * *

Später, viel später fragte ich mich, warum dieses Großmaul sich so schnell trollte. Dann kam ich zur wahrscheinlichsten Erklärung:
Alle waren wir von unseren Mopeds abgestiegen und standen bereit, um den Tankschlauch zu übernehmen. Wir hatten aber weder die Helme abgenommen noch die Handschuhe ausgezogen. Ich hatte zudem mein Sonnenvisier herunter geklappt.
So stand ich da - gute zwei Meter mit breitem Schultern in einer dunklen Kombi und ansehnlichem Kampfgewicht. Zudem waren da noch die drei anderen, wohl auch bereit, bei zu springen. Eindeutig hatte der andere meine Freunde und mich taxiert und kam wohl zum Schluss, dass eine Eskalation nicht lohnt. Der Leitwolf war in seine Schranken verwiesen.

Wenn es auch nicht wirklich schön war, muss ich noch immer grinsen, wenn ich an diese Begebenheit denke.

Manchmal gilt doch: Size matters...
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DLzG Uwe
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